Porzellanfabrik gegründet 1881 in Arzberg, Bayern

1872 hatte Heinrich Schumann eine Tonwarenfabrik in Arzberg gegründet. Nach dem Bau einer Bahnlinie von Marktredwitz über Arzberg und Schirnding nach Eger wurde sie 1881 als Porzellanfabrik neu gegründet. Der Sohn des Gründers, Christoph Schumann, verkaufte die Fabrik 1892 an Theodor Lehmann. 1903 wechselte die Arzberger Fabrik erneut den Eigentümer: Sie wurde als Abteilung der Schönwald AG weitergeführt. Theodor Lehmann blieb bis zu seinem Tod 1908 Direktor der neuen Firma mit zwei Werken.

Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Die Villa der Familie Schumann die, die Porzellanfabrik auf dem selben Gelände gegründet haben
Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Die Villa wurde komplett geplündert von dem letzten Eigentümer bzw. Investor

Die Schönwald AG ging infolge wirtschaftlicher Zwänge 1927 an den Kahla-Konzern. Arzberg konnte seinen eigenständigen Handlungsspielraum bewahren und erreichte in den 1930er Jahren große Bekanntheit. Mit der deutschen Teilung ab 1945 beschränkte sich der Westteil des Konzerns auf die Fabriken in Arzberg, Schönwald, Schwandorf und Wiesau. 1972 fusionierten Kahla und die Hutschenreuther AG. 1997 wurde der Standort Arzberg an die Winterling AG verkauft, aber schon im Jahr 2000 an die SKV Porzellan-Union GmbH (aus Schirnding, Kronester, Vohenstrauß) weitergegeben. Wenig später wurde das Werk in Arzberg stillgelegt.

Die gesamte Produktion fand nun in dem nur wenige Kilometer entfernten Ort Schirnding statt. 2001/03 kam der renommierte Name Arzberg zu neuen Ehren, als sich die SKV Porzellan-Union erst in SKV Arzberg-Porzellan-GmbH und schließlich in Arzberg Porzellan GmbH umbenannte. Am 23. Januar 2013 meldete die Arzberg Porzellan GmbH Insolvenz an. Den Markennamen Arzberg, alle damit verbundenen Rechte und die Warenbestände erwarb im August 2013 die Rosenthal GmbH.

Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Alte Jugendstilvilla ist akut Einsturz gefährdet

Produktion der Porzellanfabrik Arzberg Bayern

Die Theodor Lehmann Porzellanfabrik stellte hauptsächlich historisierende Formen her, dann auch modische Entwürfe im Jugendstil. Mit der Unterordnung unter Schönwald spezialisierte Lehmann den Standort Schönwald auf Hotelporzellan, während Arzberg hauptsächlich Gebrauchsgegenstände für den Privathaushalt produzierte. Arzberg machte sich nun einen Namen als Hersteller von durchbrochenem Porzellan.

Ära Gretsch

Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Das Gebäude steht unter Denkmalschutz

1931 entwarf Hermann Gretsch das Kaffee- und Tafel-Service 1382 für die Porzellanfabrik Arzberg. Es gilt als Musterbeispiel für eine zeitlos schlichte, klare Form. Sie setzte sich von den bisher üblichen Formen und Dekoren im Stil des Rokoko und Art déco ab. Andererseits distanzierte sich Gretsch von experimentellen und modernistischen Formen. Das Fachamt Deutsches Handwerk in der Deutschen Arbeitsfront lobte solche Entwürfe gerade für ihre „Zeitlosigkeit“. Für die Form 1382 erhielt er die Goldmedaille der VI. Triennale von Mailand (1936). 1950 nahm sie das Museum of Modern Art, New York, in seine Ausstellung „Good Design“ auf.

Gretsch leitete mit der Form 1382 eine Trendwende in der industriellen Porzellanfabrikation ein. Die neue Formensprache war für Arzberg ein erhebliches Risiko, da nicht vorhersehbar war, ob der bestehende Kundenkreis ein so schlichtes, rein auf Funktion ausgelegtes Geschirr annehmen würde. Ein Dekor lehnte Gretsch zwar aus gestalterischen Gründen ab: „Vom Gebrauch aus gesehen ist das undekorierte Geschirr, dessen Form unter Umständen mit einer einfachen Linie unterstrichen ist, zweifellos am schönsten.“ Aus kaufmännischen Erwägungen wurden allerdings mehrere Dekore angeboten. Gleichzeitig wurde das Konzept eines „Sammelgeschirrs“ entwickelt, das ein Privathaushalt nach Kassenlage über die Jahre komplettieren konnte. Heute ist dieses Prinzip aus der Branche nicht mehr wegzudenken.

Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Bis auf das Taubenhaus und der Villa sind alle Gebäude abgerissen

Aufbauend auf der Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre entwarfen auch andere Kollegen Service in schlichter Form, zu nennen sind hier Georg A. Mathéy mit Form 760 (Rosenthal 1928), Marguerite Friedlaender mit dem Service „Halle“ (KPM 1929), Trude Petri mit Urbino (KPM 1931) oder Wilhelm Wagenfeld mit Form 639 (Fürstenberg 1934). Die Form 1382 gehört zu den Klassikern der deutschen Produktgestaltung, sie wird bis heute hergestellt.

Weitere bekannte Entwürfe von Gretsch

  • 1930er: Schönwald Form 111
  • 1930er: Arzberg Form 1350
  • 1931: Arzberg Form 1382
  • 1936: Schönwald Form 98, Hotel-Porzellanservice
  • 1938: Arzberg Form 1495
  • 1938: Arzberg Form 1840
  • 1947/48: C. Hugo Pott Modell 81
Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Das Logo wird bis heute immer noch für Arzberg Porzellan verwendet
Porzellanfabrik Arzberg Bayern
In der Porzellanfabrik sind auch Kunstwerke zu bestaunen

Die neue Linie zahlte sich nach einigen verlustbehafteten Jahren ab 1935 aus. Gretschs Ansichten standen nicht nur im Einklang mit dem vom NS-Regime geförderten Geschmack, Gretsch prägte die offiziellen Empfehlungen des Amtes Schönheit der Arbeit in seinem Sinne mit. 1939 wurde die komplette Produktion der Fabrik Arzberg auf die neue Linie umgestellt. Gretsch entwarf nun nicht nur Porzellanformen, sondern konzipierte auch den Außenauftritt der Firma in Form von Werbeartikeln und Musterschauen.

1945 wurde das Werk durch Kriegseinwirkungen teilweise zerstört. Als Folge des Krieges lag die Stadt Arzberg jetzt nahe der innerdeutschen Grenze; wichtige Rohstofflieferungen aus Thüringen waren nicht mehr möglich. Der Wiederaufbau geschah somit unter erschwerten Bedingungen.

Ära Löffelhardt

Nach Gretschs überraschendem Tod 1950 konnte der damalige Kahla-Vorstand Emil Geißenhöner Heinrich Löffelhardt 1952 als Nachfolger gewinnen. Unter seiner künstlerischen Leitung entstanden in den folgenden Jahrzehnten sehr erfolgreiche und prämierte Entwürfe. Im Auftrieb des Wirtschaftswunders wurden sie stilbildend. 1954 kam Löffelhardts „Form 2000“ auf den Markt, die sofort sehr erfolgreich lief und Ende der 1960er Jahre in einer Sonderedition für das Bundeskanzleramt bestellt wurde.

Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Maschinenraum mit zwei Massenmühlen das Herz jeder Porzellanfabrik
Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Alter Schutzanzug der in der Fertigungshalle in der Porzellanfabrik herum liegt

1955 reichten die Kapazitäten der Fabrik nicht mehr, so dass der Kahla-Konzern für die Produktion ein neues Werk in Schwandorf errichten ließ. In der Folge wurde in den 1960er Jahren auch das Werk in Arzberg modernisiert und erstmals mit Tunnelbrandöfen ausgestattet. In den späten 1960er Jahren und in den 1970ern kam es zu einer weiteren Krise, in deren Folge Kahla und Hutschenreuther 1972 fusionierten und fortan als Hutschenreuther AG firmierten. Die Fabrik Arzberg behielt jedoch ihren eigenen Namen und ihre Marke.


Stilsuche und letzte Erfolge

Ab den 1970er Jahren gab es keinen künstlerischen Leiter mehr, vielmehr wurden freie Designer mit Entwürfen beauftragt. Der Schweizer Hans Theo Baumann, zuvor Präsident des Verbandes Deutscher Industriedesigner (VDID), schuf die Service „3000“, „4000 – Donau“, „5000 – Turku“, „5500 – Brasilia“, „6500 – Hellas“ und „7000 – Delta“, dazu Vasen und weiteres Tischgeschirr. Bekanntestes Beispiel ist vermutlich die Form 3000 im orange-roten Dekor „Sizilia“.

Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Regale voller Porzellan, einige Räume sind füllig unberührt
Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Alte Prägemaschine leicht verrostet das auf alle Maschinen in der Porzellanfabrik zutrifft

Andere Entwerfer waren Marianne Westman, Werner Bünck, Hans-Wilhelm Seitz, Christel Holmgren-Exner, Ulrike Umlauf-Orrom, Heinz G. Pfaender, Ulrike Bögel, Lutz Rabold, Matteo Thun-Hohenstein und Nikolaus Müller-Behrendt. In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren kehrte man von den in rascher Folge präsentierten Neuheiten zu den bewährten Formen zurück und straffte die Produktpalette.

Die Arzberg Porzellan GmbH (ab 2003) in Schirnding bot immer noch die Klassiker „Form 1382“ und „Form 2000“ an. Hinzu traten noch einmal zwei mehrfach preisgekrönte Service: „Form 2006“ von Peter Schmidt und „Gourmet“ von Heike Philipp.


Ende der Arzberg Porzellan GmbH

Aus der Insolvenzmasse des Unternehmens kaufte Rosenthal 2013 die Marke „Arzberg“ einschließlich aller Formen und Lagerbestände. Der neue Eigentümer will Produktion und Vertrieb von Arzberg-Porzellan fortführen. Die Produktionsstätte in Schirnding wurde geschlossen. Heute ist die Produktionsstätte ein sehr schönes Lost Place wenn man die Hallen betritt ist in meterhohen Regale immer noch das ein oder andere Porzellan- Kunstwerk zusehen. Einige Räume sind noch vollständig unberührt da die Fabrik sehr gut gesichert ist gegen unbefugtes betreten.

Porzellanfabrik Arzberg Bayern
Kästen voll mit Porzellan- Kannen jeder menge andere Porzellanformen

Porzellanfabrik Arzberg Bayern

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